
Foto: Galerie Kai Erdmann




Foto: Galerie Kai Erdmann
Title:
Bitter Pills
Year:
2021
Dimensions:
2,6m x 2,6m
Material:
100% Wool, Cotton base, Latex back
EN
Hissing hyenas spit colourful pills from the four corners of the 2.6m by 2.6m square tapestry that Hannah Cooke tufted from finest wool. Connected by the double helix of our DNA, the heads of the hyenas form the frame of a huge, radiant vulva that stands in the centre of the work and reminds the viewer of their origins through a mirror mounted behind it, without false modesty.
Hyenas are very social, highly intelligent and enjoy playing. In 1799, Schiller wrote in the “Song of the Bell” about the women who become hyenas, and what was meant rather slanderously at the time can today be perceived scientifically as a compliment to every woman. The biologist Kay Holekamp put the image of the animals living in a matriarchy into perspective through her behavioural studies. Hyenas take good care of their clan, they are excellent hunters and have an extremely differentiated vocabulary of sounds with which they communicate with each other. “They’re the coolest animals out there, because they are just really weird,” says Holekamp.
The animals illustrate well how negatively connoted female alliances are often perceived in society. And it is not only allied women, but also successful women, or women who live their lives outside of the classical conception, who have to overcome an anticipatory negative balance. What I call here a negative balance has been affecting women’s visibility for centuries, continuously creating a “gender data gap”.
Hannah Cooke uses this gap between the share of work and consideration in society as a starting point for her work. In the book “Invisible Women” by Caroline Criado-Perez, countless examples are compiled with the most precise figures, which show where women are not thought of and seen everywhere. The lack of data on women leads to injustice and discrimination in everyday life as well as to health disadvantages.
The framing double helix in Hannah Cooke’s tapestry is dedicated to Rosalind Franklin, who used X-ray experiments and cell measurements to discover that DNA consists of a double strand and phosphate residues. Her work was the basis on which James Watson and Francis Crick discovered DNA and thus, unlike her, won the Nobel Prize. The hyenas spit out the bitter pills that were not made for their bodies anyway. This is because in medical research, the female body, although very different from the male body right down to the cells, barely exists.
In a 2013 Nature article, Dr. Elizabeth Pollitzer reports research findings that male and female human cells have “markedly different concentrations of many metabolites”, as well as “mounting evidence” that “cells differ by sex, regardless of the extent to which they have been exposed to sex hormones”, can be read in Criado-Perez. The female body is still presented in anatomy textbooks as a male body with an accentuated breast area and a missing penis. What is not taught cannot be practised, and so women, their experiences and physical conditions are also missing from medical studies, which has already led to the biggest medical scandals in history. In contrast, if you start to think women along, it can even be economically beneficial.
Text excerpt by Seraphine Meya
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DE
Fauchende Hyänen spucken bunte Pillen aus den vier Ecken des 2,6m auf 2,6m großen quadratischen Teppichs, den Hannah Cooke aus feinster Wolle tuftete. Verbunden durch die Doppelhelix unserer DNA bilden die Köpfe der Hyänen den Rahmen einer riesigen, strahlenden Vulva, die im Zentrum des Werks steht und die Betrachter*innen durch einen dahinter montierten Spiegel ganz ohne falsche Bescheidenheit an ihre Herkunft erinnert.
Hyänen sind sehr sozial, hochintelligent und spielen gerne. Schiller schrieb 1799 im „Lied von der Glocke“ über die Weiber, die zu Hyänen werden und was damals eher verunglimpfend gemeint war, kann heute wissenschaftlich fundiert als Kompliment an jede Frau wahrgenommen werden. Die Biologin Kay Holekamp rückte das Bild der im Matriarchat lebenden Tiere durch ihre Verhaltensstudien zurecht. Hyänen kümmern sich rührend um ihren Klan, sie sind ausgezeichnete Jägerinnen und haben ein äußerst differenziertes Lautvokabular, mit dem sie sich untereinander verständigen. „They’re the coolest animals out there, because they are just really weird.“, so Holekamp.
Die Tiere illustrieren gut, wie negativ konnotiert weibliche Verbünde häufig in der Gesellschaft wahrgenommen werden. Und nicht nur verbündete, auch erfolgreiche Frauen, oder Frauen, die abseits der klassischen Vorstellung ihr Leben gestalten, müssen sich über eine vorauseilende Negativbilanz hinwegsetzen. Was ich hier als Negativbilanz benenne, wirkt sich schon seit Jahrhunderten auf die Sichtbarkeit von Frauen aus und schafft damit fortlaufend einen „Gender Data Gap“.
Diese Lücke zwischen Anteil an Arbeit und Berücksichtigung in der Gesellschaft zieht Hannah Cooke als Ausgangspunkt für ihre Arbeit heran. Im Buch „Unsichtbare Frauen“ von Caroline Criado-Perez sind unzählige Beispiele mit genauesten Zahlen zusammengetragen, die zeigen, wo überall Frauen nicht mit gedacht und mit gesehen werden. Fehlende Daten über Frauen führen ebenso zu Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen im Alltag wie zu gesundheitlichen Nachteilen.
Die den Rahmen bildende Doppelhelix in Hannah Cookes Wandteppich ist Rosalind Franklin gewidmet, die mit Röntgen-Experimenten und Zellvermessungen herausfand, dass die DNA aus einem Doppelstrang und Phosphatresten besteht. Ihre Arbeit war die Grundlage, auf der James Watson und Francis Crick die DNA entdeckten und damit, im Gegensatz zu ihr, den Nobelpreis erhielten. Die Hyänen spucken die bitteren Pillen aus, die ohnehin nicht für ihren Körper gemacht sind. Denn In der medizinischen Forschung ist der weibliche Körper, obwohl er sich bis in die Zellen hinein stark vom männlichen Körper unterscheidet, kaum existent.
In einem Nature-Artikel von 2013 berichtet Dr. Elizabeth Pollitzer von Forschungsergebnissen, laut denen männliche und weibliche menschliche Zellen »stark unterschiedliche Konzentrationen vieler Metaboliten aufweisen«, sowie von »sich mehrenden Hinweisen« darauf, dass »Zellen sich je nach Geschlecht unterscheiden, und zwar unabhängig davon, inwiefern sie Geschlechtshormonen ausgesetzt waren«, lässt sich bei Criado-Perez nachlesen. Der weibliche Körper wird in Anatomie Lehrbüchern bis heute wie ein männlicher Körper mit betonter Brustpartie und fehlendem Penis dargestellt. Was nicht gelehrt wird, kann auch nicht praktiziert werden und so fehlen Frauen, ihre Erfahrungen und körperlichen Voraussetzungen auch in medizinischen Studien, was schon zu den größten Medizinskandalen der Geschichte führte.
Wenn man im Gegensatz dazu anfängt, Frauen mitzudenken, kann das sogar wirtschaftlich von Vorteil sein.
Text von Seraphine Meya
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